Dienstag, 14. April 2026

Wenn das Regal lauter schreit als die Lust – Das Phänomen Tsundoku

 

Hand aufs Herz: Wer von euch hat diesen einen Stapel? Den Stapel der ungelesenen Bücher (SuB), der majestätisch in der Ecke thront und euch jedes Mal ein fast schon schlechtes Gewissen macht, wenn ihr eigentlich nur entspannen wollt? Manchmal habe ich das Gefühl, meine Bücher werfen mir beim Vorbeigehen vorwurfsvolle Blicke zu. „Lies mich endlich“, flüstert der dicke Klassiker, während der spannende Krimi daneben fast schon verstaubt.

In Japan gibt es für diesen Zustand ein wunderbares, fast schon poetisches Wort: Tsundoku. Es beschreibt die Kunst, Bücher zu kaufen, sie aufzustapeln und sie dann... nun ja, erst einmal nicht zu lesen. Es ist die Liebe zum Buch als Objekt, bevor es zum Inhalt wird.

Die Psychologie des Haben-Wollens 

Doch warum tun wir uns das an? Warum kaufen wir das zehnte Buch, während drei andere noch nicht einmal aufgeschlagen wurden? Oft kaufen wir beim Buchhändler unseres Vertrauens (oder beim nächtlichen Stöbern auf Medimops* / Thalia* / Rebuy* / Osiander*) nicht nur ein paar hundert Seiten Papier. Wir kaufen die Vision von uns selbst. Wir kaufen die Person, die wir gerne wären: Jemand, der sich die Zeit nimmt, dieses kluge Sachbuch zu durchdringen, oder die Träumerin, die in jener historischen Romanze versinkt. Das Buch im Regal ist wie ein Versprechen auf eine bessere, ruhigere Version unseres Lebens.

Der Druck der ungelesenen Schätze 

Aber hier liegt die Falle: Aus dem Versprechen wird oft Druck. In einer Welt, die uns ständig suggeriert, wir müssten uns optimieren und alles „konsumieren“, wird das ungelesene Buch plötzlich zur unerledigten Aufgabe. Und genau hier müssen wir die Reißleine ziehen. Ein ungelesenes Buch ist kein Versagen. Es ist eine Möglichkeit. Es ist eine literarische Reserve für schlechte Zeiten.

Ich habe für mich beschlossen: Mein Regal ist kein Terminkalender. Wenn ich ein Buch kaufe und es erst zwei Jahre später lese, dann war das eben die Reifezeit, die es brauchte. Wir sollten aufhören, unsere SuBs als „Stapel der Schande“ zu betrachten. Nennen wir sie lieber „Inspirations-Vorrat“.

In dieser neuen Reihe „Gedanken einer Leserin“ möchte ich genau solche Themen mit euch teilen. Den Druck rausnehmen, die Liebe zum geschriebenen Wort feiern – auch wenn es mal nur im Regal steht. Denn am Ende zählt nicht die Statistik, wie viele Bücher wir pro Monat „geschafft“ haben, sondern das Gefühl, dass wir jederzeit eine neue Welt aufschlagen könnten.


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Schön, das Du hier bist!
Über Deine Kommis freue ich mich natürlich sehr. Schreib doch einfach was Dir auf der Seele brennt.
Alles Liebe,
Katja
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